Rückblick aus Griechenland

Rückblick aus Griechenland

„Als ich Ende März das erste Mal das Camp Idomeni besucht habe, war über die menschenunwürdigen Zustände vor Ort überall in den Medien zu lesen und zu hören. Fast jedem war Idomeni ein Begriff, man konnte sich also schon annähernd vorstellen, was einen erwartet. In ganz Europa berichteten die Medien über die Situation im Camp und die vielen Ausschreitungen an der Grenze, wo Tränengas, Gummigeschosse, Wasserwerfer weder vor Familien, Kindern oder Helfern haltgemacht haben. (Berichte von meinen ersten Erfahrungen aus Idomeni sind hier nachzulesen: http://thegoodsouls.net/mari-wahdat/http://www.morethanshelters.org/de/gedanken-aus-idomeni/)

Ende Mai wurden Idomeni und die anderen, wilden Camps nach langer Ankündigung geräumt. Die Berichterstattung erübrigte sich auf einen kleinen Artikel hier oder einen Bericht da. Doch unter welchen Umständen die Räumung passierte, wo die Tausenden Menschen hingebracht wurden oder wie die Zustände in den offiziellen Camps sind, erhält nun wesentlich weniger Aufmerksamkeit. Das Chaos-Camp in Europa wurde geräumt und somit verschwand auch das Interesse der Außenwelt.

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Doch was wir nicht vergessen dürfen: Alleine in Griechenland sind derzeit über 50.000 Geflüchtete untergebracht, teilweise in Camps die menschenverachtender nicht sein könnten. Es gibt über 60 offizielle Camps in Griechenland, beispielsweise in: Alten Fabrikgebäuden, die einsturzgefährdet wirken oder mit Asbest verseucht sind; auf Militärgeländen, wo es keinen Schutz vor der heißen Sonne gibt oder Camps mitten in den Bergen, fernab von jeglicher Zivilisation. Die Situation in den Camps hängt von der jeweiligen Campleitung ab und kann sich täglich ändern. Für die freiwilligen Helfer und Organisationen ist es ein schwieriger Prozess innerhalb der Camps Hilfe zu leisten. Viele internationale Organisationen kooperieren jedoch mittlerweile mit dem Militär, um gemeinsam zu versuchen das Leben für die dort ausharrenden Menschen angenehmer zu gestalten.

Es gibt schlechte Camps und es gibt extrem schlechte Camps. Die folgenden Punkte passen fast auf alle dieser Camps:

  • Die Lebensmittelversorgung reicht vorne und hinten nicht, vor allem für die Kinder und Kranken.
  • Es gehen Krankheiten umher.
  • Menschen sind geplagt von Mücken und anderen Insekten.
  • Sanitäre Anlagen sind mangelhaft, werden nicht ausreichend gesäubert und in mehreren Camps gibt es bis heute keine Duschen.

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Die wenigen Pluspunkte in diesen Camps sind, dass nun endlich die offizielle Registrierung begonnen hat und auch sind die Camps natürlich sicherer, als im schwer kontrollierbaren Idomeni. Trotzdem wünschen sich viele der Geflüchteten Idomeni und die anderen „wilden“ Camps zurück. Dort hatten sie Freiheiten, freiwillige Helfer konnten ein und aus gehen, es gab Märkte, Schulen, Friseursalons, Straßenimbisse und es gab eine Gemeinschaft.

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Nun heißt es für die Menschen weiterhin: warten. Warten auf Registrierung, warten auf Asylanträge, warten auf Familienzusammenführung. Die meisten warten in Griechenland seit über fünf Monaten. Sie hoffen, dass die Grenzen sich vielleicht doch noch öffnen. Viele haben es satt zu warten und versuchen über illegale Wege die Grenzen zu überqueren, manche schaffen es, doch viele landen im Gefängnis oder in anderen „Aufbewahrungszentren“.

Das letzte Bild, was ich aus dieser Zeit habe geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Als wir Anfang Juli mit dem Auto von Griechenland zurück nach Deutschland fuhren, sahen wir kurz hinter der griechisch/mazedonischen Grenze einen Lastwagen und mehrere Polizisten auf der Straßenseite. Im Lastwagen saßen, eingequetscht und zusammengepfercht, unzählige Menschen, Familien und Kinder. Vielleicht waren es 100, vielleicht 150, vielleicht noch mehr. Sie saßen einfach da und warteten. Verängstigt, erschöpft und resigniert. Die Flucht nimmt auch in Europa kein Ende und alles, was die Menschen sich wünschen ist eine Zukunft im Frieden. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.“

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Mari Wahdat, Juli 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

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