Gedanken aus Idomeni

Gedanken aus Idomeni

Idomeni – Griechenland, April 2016.

„Ende März bin ich nach Idomeni gereist, um den Aufbau unserer morethanshelters-DOMOs zu begleiten und um den Menschen vor Ort zu helfen. Noch vor zwei Wochen habe ich diese Menschen „Geflüchtete“ genannt. Wenn ich jetzt das Wort Flüchtling oder Geflüchtete höre, fühle ich mich schlecht. In den letzten 14 Tagen habe ich unzählige Schicksale und Menschen kennengelernt, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Ob Kinder, Familien oder Alleinreisende – es sind Menschen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Nun sitzen sie fest, seit Monaten unter unmenschlichen Bedingungen in einem „Flüchtlingscamp“, in dem es an allem mangelt. Was muss das für ein Gefühl sein? Gezwungen zu sein Haus, Job, Leben und Heimat hinter sich zu lassen, sich auf eine lebensgefährliche Flucht aufzumachen, nur um dann für Monate in einem Camp festzusitzen, das menschenunwürdiger nicht sein könnte?

Nach drei Wochen kennt man viele Menschen mit Namen, man weiß, woher sie kommen, welche Berufe sie eigentlich ausüben. Jeden Tag fragen sie mich nach Neuigkeiten, jeden Tag muss ich antworten: Keine Neuigkeiten, die Grenzen werden nicht geöffnet. Trotzdem bleiben sie freundlich, sie laden uns täglich auf Tee und Kekse ein. Sie sind uns freiwilligen Helfern und Hilfsorganisationen sehr dankbar, das zeigen sie uns jeden Tag aufs Neue. Ich habe mich, unter anderem, „Team Bananas“ angeschlossen, die jeden Morgen über 4.500 Bananen an Kinder, Schwangere und ältere Leute verteilen. Hierdurch lernen wir viele Familien besser kennen und sie uns. Es entstehen viele Gespräche und Beziehungen zu den Menschen.

P1080795

Vor einigen Tagen haben unbekannte Aktivisten ein Flugblatt verteilt: Die Grenzen würden sich am nächsten Tag öffnen, wenn sich bis zu 3.000 Menschen vor den Grenzen versammeln. Solche Gerüchte gehen regelmäßig um, wir waren zwar vorbereitet, aber wir waren uns nicht über die Ausmaße dieses Flugblattes bewusst.

Als wir am nächsten Tag gegen neun Uhr morgens ins Camp kamen, war bereits eine unruhige Stimmung zu spüren. Viele Menschen hatten ihre Sachen gepackt und haben sich auf den Weg Richtung Grenze gemacht. Die Familien, die wir gut kannten, kamen zu uns, um zu fragen, ob es stimmt, ob auch sie ihre Sachen packen sollten. Natürlich stimmt es nicht, haben wir gesagt, bleibt wo ihr seid, die Grenzen bleiben geschlossen. Ich war erleichtert, dass die meisten uns vertrauen und bei ihren Zelten geblieben sind. Es brach mir das Herz, als sich dann eine Familie doch anders entschieden hat: Kurze Zeit später standen sie vollgepackt mit Rucksäcken vor mir, die beiden Kinder strahlten mich an: „Wir sehen uns in Deutschland!“, sagten sie.

Immer mehr Menschen machten sich auf den Weg Richtung Grenzzaun. Sie setzten sich auf die Bahngleise und warteten ab. Wir versuchten ihnen klar zu machen, dass es keinen Sinn macht, sie sollten ihre Kinder nehmen und wieder umkehren. Gegen 11 Uhr durften sich fünf Männer auf den Weg zum Grenzzaun machen, begleitet von Journalisten und Polizisten. Sie sollten mit den Grenzpolizisten vermitteln. Wir beobachten alles und wurden immer unruhiger, was sollte das? Das macht den Menschen doch nur mehr Hoffnung? Wir konnten die Lage nicht einschätzen und waren auf einmal verwirrt: Öffnet sich die Grenze vielleicht doch?

Kurze Zeit später: Lautes Gerufe, Menschen rannten mit strahlenden Gesichtern von der Grenze zurück und winkten die anderen Menschen herbei. Die bis dahin wartenden Menschen stürmten Richtung Grenzzaun. Sie fingen an die Zäune hochzuklettern, an zwei Punkten brachen sie sogar durch die Grenze. Dann ein lauter Knall, und noch einer, und noch einer. Nebelwolken vom Tränengas, Familien liefen in Scharen zurück. Kinder schrien und weinten. Die ersten Gesichter gezeichnet vom Tränengas.

Doch dies war erst der Anfang. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich das Feld vor dem Grenzzaun in einen grausamen Schauplatz. Hubschrauber, Maschinengewehre, Tränengas, Gummigeschosse, und Wasserwerfer. Gegen Nachmittag spitzte sich die Situation zu, wir taten alles um zu helfen und waren doch hilflos. Wir versuchten das Tränengas in den Gesichtern der Betroffenen auszuspülen und halfen den Menschen, die auf einmal mitten im Angriffsfeld wohnten, dabei ihre Sachen zu packen und umzuziehen. Doch die Tränengasgranaten schossen immer weiter in das Camp hinein. Sie flogen auf bewohnte Zelte, auf die Hauptstraße und zwischen die Essensausgaben. Alle waren benebelt vom Tränengas: Frauen, Kinder, ältere Menschen, genau wie Ärzte und wir Freiwilligen. Wahllos wurden immer weiter die Granaten abgefeuert, teilweise im Sekundentakt. Über 200 Menschen wurden verletzt.

Fotos von den Geschehnissen am Sonntag gibt es hier.

Jeder Tag im Camp ist anders, doch seit Sonntag wird die Situation täglich chaotischer und absurder. Das Geräusch und der Nebel von Tränengasraketen gehören mittlerweile fast zum Alltag. Nicht zum „Alltag“ gehören jedoch Düsenjäger und Kampfjets, die am Donnerstag auf einmal über das Camp geflogen sind. Die Menschen um uns herum brachen in Panik aus, schrien und fingen an zu weinen. Es sollte nur eine Militärübung ein: Soldaten marschierten über die Felder ums Camp, Kampfhubschrauber landeten 500 Meter neben den Zelten und die Düsenjäger schossen durch die Luft. „Just like home, just like in Syria“ – sagte ein Junge zu mir.

Ich bin immer noch sprachlos, diese Menschen sind vor dem Krieg in ihren Heimatländern geflohen, wollten sich in Sicherheit bringen und suchen Frieden. Nun sind sie in Europa angekommen und müssen wieder gewaltsame Ereignisse miterleben und verkraften. Was macht das mit dem Trauma, das die Menschen – vor allem die Kinder – ohnehin schon haben? Wie konnte die Situation so eskalieren und wie geht es in den nächsten Tagen und Wochen für die Menschen weiter?“

Mari Wahdat, April 2016

 

Trackbacks/Pingbacks

  1. Rückblick aus Griechenland | MORE THAN SHELTERS - […] „Als ich Ende März das erste Mal das Camp Idomeni besucht habe, war über die menschenunwürdigen Zustände vor Ort…

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *